Verfassung

St. Nikolai

Die Kirche St. Nikolai liegt auf einem kleinen Hügel in der Ortsmitte von Bad Sachsa. Wer sich ihr nähert, sieht schon aus großer Entfernung den markanten Kirchturm und reibt sich vielleicht überrascht die Augen: Auf der Kirchturmspitze steht kein Hahn, sondern ein preußischer Adler. Das ist in weitem Umkreis einzigartig. Der Adler wurde zum ersten Mai 1823 angebracht und erinnert an die Befreiung Bad Sachsas von der Herrschaft Napoleons und die Wiederangliederung an Preußen.

Wir finden das preußische Hoheitszeichen auch noch im Kirchenraum auf dem Schalldeckel über der Kanzel. Dort hat der Vogel aber ganz zivil die Flügel angelegt und untersteht der Christusfigur, die den Auferstandenen darstellt.

Die Kirche wird durch den Eingang am Turm betreten, und die massiven Mauern belegen, dass wir uns in einem Wehrturm befinden, wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert. Dieser Wachturm war damals nicht Teil des Kirchengebäudes, sondern Dienstort eines Ritters, der die Gegend vor Räubern und Wegelagerern beschützen sollte. In einigem Abstand stand dem Turm eine kleine Kapelle gegenüber. Diese beiden Gebäudeteile sind an ihren massiven Mauern deutlich zu erkennen. Sie wurden später, etwa um 1300 n. Chr., durch die Seitenwände zu einem Kirchenschiff verbunden.

Wer durch den Turmbogen ins Mittelschiff der Kirche geht, schaut auf den Holzaltar, der 1595 von dem damaligen Bürgermeister Hartmann gestiftet wurde. Der Künstler, der dieses Werk geschaffen hat, ist unbekannt. Der Aufbau des Altarbildes ist kreuzförmig. Die Senkrechte stellt dar, was Gott zu unserer Erlösung getan hat, von unten nach oben: der Segen, das Abendmahl, die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu. Die Waagerechte ist allgemein die menschliche Linie des Lebens, Ankündigung der Geburt, das Abendmahl und die Geburt. Den Schnittpunkt beider Linien bildet das Abendmahl, in dem Gott und Mensch sich am intensivsten begegnen. Der Künstler setzt den Augenblick in Szene, als Christus ankündigt, dass er verraten wird. Die Jünger sind erregt und zeigen aufeinander. Lediglich einer schaut den Betrachter des Bildes ruhig an, so als wolle er uns ins Bild setzen und fragen, wie wir zu Jesus stehen. Das Kunstwerk ist in seiner Maltechnik von einfacher Ausführung aber dennoch recht eindrucksvoll.

Die Emporen wurden 1680 gestiftet. Sie tragen auf Holztafeln gemalte Bibelworte, die sich auf die Stelle, an der sie sich befinden, beziehen. So treten in dem Raum das religiöse Bild und das Bibelwort zusammen und deuten sich gegenseitig. Dennoch ist ein großer Respekt vor der Unmöglichkeit und vor dem Verbot, Gott im Bild darzustellen, zu spüren.

1725 erhielt der Künstler Johann Georg Hoyer aus Nordhausen den Auftrag, ein Gottesbild in das Tonnengewölbe zu malen. Er entschied sich, Gott im Zeichen des gleichseitigen Dreiecks darzustellen und den hebräischen Namen (JHWE) dort hinein zu setzen. Die Szene geht zurück auf die Berufung des Propheten Jesaja (Jes 6) und nimmt das „Heilig, heilig, heilig ist Gott...“ auf, das beim Abendmahl gesungen wird. Der Betrachter findet also auch hier wieder, dass die Bilder und Worte sich wechselseitig interpretieren.

Die Kanzel wurde 1711 geschaffen. Sie wird von Moses, der zwei Gebotstafeln hält, getragen. Die Sprüche auf der Kanzel ermahnen und ermutigen den Prediger und die Gemeinde. Die Feier des Gottesdienstes ist nach christlichem Verständnis verbunden mit dem Lobpreis der Engel in der himmlischen Welt. Wer sich umschaut, findet an der Spitze der Holzsäulen, unter der Kanzel und auf dem Altarbild zahlreiche Engel. Sie sind Gottes Boten und stehen dafür, dass, wer sich zur Besinnung hierhin zurück zieht, von Gott gehört wird. Die Fachwerkshalle, durch die der Innenraum verlassen wird, ließ der Rat der Stadt 1691 errichten.

Text: Pastor Dr. Traupe